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  S  T  E  R  N  -  A  R  C  H  I  V


Dokument 1 von 2 I
Quelle: STERN I Ausgabe: 15 I 05-04-2001 I Seite: 99 I Autor/in: *Andreas Albes*

 
DER TANZ AUF DER WALZE
 
Lanzarote ist ein Paradies für Wellenreiter. Hier suchen Profis den Kick ihres Lebens - und Schüler finden beste Reviere zum sanften Einstieg
 

Es waren nur wenige Sekunden. Aber sie haben sein Leben verändert. Wenn Norbert von diesem Moment erzählt, glänzen seine Augen. Dann legt er für ein paar Minuten jene unemotionale, pädagogische Art ab, die Lehrer oft an sich haben. Von seinem Erlebnis spricht Norbert allerdings nur selten. Weil es "didaktisch falsch" sei und den Schülern Angst machen könne, sagt er. Und außerdem: "Es war etwas ganz Persönliches."

Die Sonne ging unter, das Meer schimmerte rötlich. Drei, vier Meter hohe Wellen rasten tosend auf den Strand zu, mächtige Wasserwalzen, wie sie Norbert nie zuvor gesehen hatte. Er lag im warmen Sand und wägte zum hundertsten Mal ab: Gehst du oder gehst du nicht? Von der Sekunde an, als er sein Surfbrett griff, verlor er dann jegliches Zeitgefühl. Die Strömung zog ihn geradewegs hinaus. Sein Magen schnürte sich zusammen. Er hatte längst keinen Blick mehr für den Sonnenuntergang. Nur noch für die Bewegungen des Meeres. Etwa 120 Meter entfernt bildete sich ein dunkler Berg. Er kam näher, und er wurde größer. Mit einem Mal gab es kein Zurück mehr. Sonst, wusste Norbert, würden ein paar Tonnen Wasser auf ihn niederrauschen und ihn so lange schleudern, bis er nicht mehr wüsste, wo oben und unten ist. Wenn nichts Schlimmeres passierte. Die Welle packte ihn, unmittelbar vor seinen Augen ging es fast senkrecht in die Tiefe. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen, sprang auf sein Brett - und stand. Es war, als blickte er auf eine Autobahn, eine endlos lange Fläche spiegelglatten Wassers. Er schoss darauf ins Tal. Sein Ritt dürfte vielleicht 15 Sekunden gedauert haben. Höchstens 20. Ihm kam es vor wie eine Stunde. Mindestens.

"So was nennen Surfer den Flow", sagt Norbert. "Wenn du völlig eins bist mit der Welle, als wärst du schwerelos. Es war die Welle meines Lebens." Einen derart intensiven Flow wie damals, 1981 vor der französischen Atlantikküste, hat er nie wieder erlebt. Doch wenn er aufs Wasser geht, dann immer in der Hoffnung, ihn noch einmal zu spüren. "Das macht süchtig." Aber Schluss jetzt. Norbert Hoischen, 49, aus Köln, ehemaliger Zehnkämpfer, diplomierter Sportlehrer, Kunsterzieher und seit 1992 Inhaber der ersten deutschen Wellenreitschule, ist wieder ganz Pädagoge: "Wellenreiten ist nicht gefährlich", sagt er, "jedenfalls nicht so wie Fußball."

DER JUNGE MANN an der Hafenmole von La Caleta auf Lanzarote ist außer Atem. Das nasse, schwarze Neopren auf seiner Haut glänzt, er hält ein kaputtes Surfbrett unterm Arm. Die Finne ist abgebrochen, wahrscheinlich, als er irgendwo über einen Stein gespült wurde. Ein anderer habe draußen sein Brett verloren, sagt er. "Der ist so blöd auf ein Riff gefallen, dass ihm ein Seeigel in der Brust stecken geblieben ist." Heute ist ein "big day" auf Lanzarote. Drei Meter Swell, so nennt man die Dünung, die von der offenen See auf die Küste zuläuft. Julian ist fast der Einzige aus Norberts Gruppe, der sich aufs Wasser getraut hat. Er war nah dran am Flow.

Mit 17 Leuten ist Norbert auf die Kanareninsel geflogen. Für die meisten ist heute nur Verbalsurfen angesagt. Sie stehen an der Hafenmauer, schauen den Könnern zu und fachsimpeln: "Geiler Cutback!" - "Und der Bottomturn erst mal" - "Ey, hast du gesehen, wie der am Peak gefahren ist" - "Boah, 'nen 360er hat der gemacht." Norbert mag "dieses Geplapper" nicht, aber das lässt er sich nicht anmerken. Er ist froh, wenn seine Schützlinge im Trockenen sitzen und nicht auf dumme Gedanken kommen.

Nur Carsten aus Rüsselsheim macht Norbert Sorgen. Carsten, 21, schafft bei Opel. Raspelkurze Haare, gepearcte linke Brustwarze. Eine Art Mantafahrer des Meeres. Typen wie er kennen nur ein Motto: "No risk, no fun." Ihr Idol heißt Mickey Dora, "die Katze", ein amerikanischer Weltklassesurfer und Kreditkartenbetrüger, der vor der Polizei von einem Surfspot zum nächsten flüchtete, bis er Anfang der achtziger Jahre quasi vom Brett weg verhaftet wurde. Ein paar Wochen erst steht Carsten auf dem Brett. Er hat Talent. Und er ist schon süchtig. Seine letzte Freundin hat er verlassen, weil die immer am Strand liegen und knutschen wollte. "Aber was soll ich knutschen, wenn's draußen Wellen hat." Dreimal hat er heute versucht, eine dieser Monsterwellen zu reiten. Man sah dann abwechselnd ihn und sein Brett in der mächtigen Wasserwalze auftauchen. Nach dem Waschgang wurde er jedes Mal auf den Strand gespuckt, um gleich wieder rauszupaddeln.

Auch Karin jagt den Flow. Aber erst morgen wieder, wenn die Wellen kleiner sind. "Das Wellenreiten hat etwas Esoterisches", glaubt sie. Auf dem Wasser hat Karin oft Schiss. Vor dem Take- off, dem Moment, wenn man aufs Brett springt. In den 14 Tagen auf Lanzarote surft Karin vielleicht 20 Wellen. Es reicht ihr schon, mit dem Brett auf dem Wasser zu liegen, durch die Brandung zu paddeln und draußen vom Meer sanft auf und ab geschaukelt zu werden. Zu Hause, in Iserlohn, hat sie Stress genug. Karin arbeitet als Krankenschwester. Mit 44 ist sie die Älteste in der Gruppe. Seit acht Jahren fährt sie jedes Jahr mit nach Lanzarote. Auch bei ihr ist es eine Sucht. Nicht nur nach der Welle. Es ist mehr das Lebensgefühl.

Surfer findet man nur selten im Fünf-Sterne-Hotel. Auch die nicht, die es sich leisten könnten. Das Spartanische gehört dazu. Im Sommer organisiert Norbert ein Zeltcamp an der Biskaya, im Winter mietet er ein paar Apartments in La Caleta auf Lanzarote. Dorthin verirren sich kaum Pauschaltouristen. Baden in La Caleta ist lebensgefährlich. Strände mit guten Wellen haben meistens tückische Strömungen. Der Ort im Nordwesten der Insel ist fest in Surferhand. Manche Straßen sind geteert, die meisten nicht. Hunde streunen herum, es gibt zwei Restaurants und zwei Kneipen, die schon nachmittags gut besucht sind. Am Wochenende kommen so viele einheimische Familien, dass man die wellenfanatischen Urlauber kaum bemerkt. Nur ihre Leihwagen. Obligatorisch ist der Opel Corsa, in Gelb, Weiß oder Lindgrün mit Surfbrettern auf dem Dach (25 sind Rekord), verbogenen Türholmen und Reifen ohne Profil.

AUF DER SUCHE nach der perfekten Welle verbringt der durchschnittliche Surfer 20 Prozent der Zeit im Auto, zu 30 Prozent paddelt er mühevoll durch Brandungszonen, zu 48 Prozent hockt er auf dem Brett und beobachtet das Meer. Ganze zwei Prozent sind reine Surfzeit. Höchstens. Norberts Corsa-Karawane, er hat fünf Leihwagen für seine Gruppe organisiert, macht sich am Morgen nach dem "big day" auf die Suche nach einem guten Spot. Über Nacht hat die Dünung die Richtung geändert. Auf der Wetterkarte in der Morgenzeitung konnte man ein Sturmtief, etwa 3000 Kilometer nordwestlich der Kanaren, erkennen. Von dort laufen die Wellen auf.

Vormittags könnte in La Santa was reinkommen, hofft Norbert. Die fieseste Ecke auf Lanzarote und die berühmteste. Sogar aus Australien und Hawaii kommen sie, um die "Morro Negro" zu reiten. Diese Welle bricht kurz vor den Steinen und wird so hohl, dass man in der "Tube", fahren kann, einem Tunnel aus Wasser. Ganz Wagemutige versuchen sich auch an der "La Santa Left"; die läuft 200 Meter weiter unten und ist noch riskanter. Erstens weil sie ein so genannter "board snapper" ist, was bedeutet, dass sie locker ein Surfbrett zerteilen kann. Zweitens gehört sie den Locals, den Einheimischen. Fremde werden dort abgedrängt, umgefahren, und gelegentlich gibt's eine Schlägerei. Zwar herrschen auch beim Wellenreiten internationale Verkehrsregeln, aber nur auf eine ist Verlass: Der Bessere hat Vorfahrt, Anfänger, weg da!

Erst in Orzola, am nördlichsten Zipfel der Insel, ist Norbert mit der Welle zufrieden. Etwa anderthalb Meter hoch, sie bricht über eine Sandbank, nicht über ein scharfes Riff, kaum Leute auf dem Wasser. Solche Bedingungen entschädigen seine Schüler dafür, dass sie einen Tag am Strand hocken und einen halben Tag über die Insel fahren mussten. Heute sind viele dem Flow wieder ein gutes Stück näher gekommen. Auch Karin, die Krankenschwester, hat eine Welle erwischt. Sie sitzt am Strand, zieht an ihrer Zigarette. So zufrieden müssen schon die alten Polynesier geschaut haben, von denen das Wellenreiten als männliche Mutprobe erfunden wurde.

Ein Massentrend werde Wellenreiten in Deutschland sicher nicht, sagt Norbert. Dafür sei der Sport zu schwierig und die Welle an Nord- und Ostsee zu dürftig. Dennoch wächst die Zahl der Surfer kontinuierlich, vor allem unter Männern zwischen 20 und 30. Irgendwann diesen Sommer wird Norbert seinen fünftausendsten Schüler aufs Brett stellen. Noch einer mehr auf der Jagd nach dem Flow. "Wenn die angebissen haben und nicht mehr loskommen", sagt Norbert, "das ist großartig." Aber eigentlich, fügt er hinzu, sollte man übers Surfen so wenig wie möglich reden. Viele Surfer, findet er, quatschten einfach zu viel. Für die sei Wellenreiten nur was fürs hippe Image. Die echten Soul-Surfer hingegen, die seien anders.

Wie denn?

"Tja." Norbert denkt kurz nach. "Eines Tages, da kam mal ein Engländer hier auf die Insel mit einem völlig alten Brett. Er war etwas dicklich und trug trotz des kalten Wassers nicht mal einen Neoprenanzug, nur eine Badehose. Seine Haut hatte diese typische schweinchenrosa Farbe, wie sie Engländer in der Sonne immer bekommen. Als er in La Santa etwas ungelenk über die Steine ins Wasser kletterte, haben sie alle gefeixt. Doch dann kam die erste Welle. Eine richtig große. Und er ist aufs Brett gesprungen. Ganz locker, ganz entspannt. Bei ihm sah alles so einfach aus. Gar nicht spektakulär. Doch die Leute am Ufer standen da mit offenen Mündern."

Und das, sagt Norbert, "nenne ich einen Soul-Surfer."

DIE BESTEN REVIERE

Ziele für alle Jahreszeiten

Die französische Atlantikküste in der Region um Bordeaux ist im Sommer ideal für Anfänger. Die Wellen laufen nur über Sand, nicht über Stein. Es gibt kilometerlange Strände, wo Tausende Surfer Platz haben, nur bei Biarritz und Hossegor wird's voll. Die gesamte spanische Nordküste von San Sebastian bis La Coruna hat viele kleine Buchten. Der Untergrund besteht abwechselnd aus Sand und Stein (auf Stein brechen die Wellen häufig besser). Je weiter man Richtung Galizien fährt, desto leerer werden die Buchten. Sehr ruhig und ebenfalls anfängertauglich ist der Norden Portugals um Porto, aber das Wasser wird dort kaum wärmer als 16 Grad. Im Winter finden Wellenreit-Neulinge die besten Spots auf Gran Canaria, Teneriffa und Lanzarote.

Kurse: Die meisten Wellenreitschulen gibt's in Frankreich und England. Ebenso wie in Deutschland wird bei der Ausbildung der Lehrer sehr viel Wert auf die Anfängerschulung gelegt. Wer Windsurfen oder Snowboarden kann, ist nach etwa zwei Wochen so weit, dass er die erste Welle reitet. Sonst dauert es vier bis sechs Wochen.

Ausrüstung: Markenfirmen wie Bear oder Rip Curl bieten Bretter ab 1000 Mark an. Die besseren und günstigeren Boards kauft man allerdings bei kleinen Shapern (Brettdesignern) in den Wellenrevieren. Deutsche Surfshops haben oft gute Kontakte dorthin, sodass sich schon jeder Anfänger für 750 Mark ein Brett maßfertigen lassen kann. Die Fangleine (Leash) kostet zirka 60 Mark, ein Neoprenanzug (sollte nicht unter den Achseln zwicken) ab 200 Mark.

Risiken: Grundsätzlich passiert wenig. Die meisten blauen Flecken holt man sich am eigenen Brett. Wer von einer Welle gewaschen wird: Hände vors Gesicht! In neuen Revieren immer vor Ort fragen, wo Steine und Riffe liegen und wie die Strömung verläuft. Von HaiAttacken ist in Europa nichts bekannt.

SPRACHKURS

Wellenreiten zum Mitreden

Die meisten Fachbegriffe stammen aus dem Englischen. Eine kleine Einführung für Anfänger:

Bottom turn - Kurvenfahrt im Wellental

Cutback - 180-Grad-Manöver

Leash - Fangleine am Surfbrett

Off Shore-Wind - ablandiger Wind, der die Wellen aufstellt

Peak - steilste Stelle der Welle, dort beginnt sie zu brechen

Pointbreak - Welle, die immer am gleichen Punkt bricht, etwa über einem Riff

Shape - Brettform

Shorebreak - Welle, die direkt auf den Strand bricht

stoked - enthusiastisches Gefühl nach einem gelungenen Wellenritt

Swell - Dünungswellen

Take-off - Anstart der Welle (Sprung aufs Brett)

Top turn - Kurvenfahrt am Wellenberg

Tube-Fahrt - Ritt im Wellentunnel